Die nachstehenden Informationen sind nicht als Konsumaufforderung zu verstehen!
Tilidin
Beschreibung
Tilidin ist ein synthetisches Opioid, das regulär zur Behandlung starker bis sehr starker Schmerzen, z.B. in der Krebstherapie oder nach Operationen, eingesetzt wird.
In den heute zugelassenen Handelspräparaten, wie z.B. Valoron® N, Tilidura® und Tilidin
comp® ist Tilidin immer mit dem Opioid-Antagonisten („Gegenspieler“, der die Wirkung
an den Rezeptoren blockiert) Naloxon kombiniert. Naloxon neutralisiert die Wirkung von Tilidin,
wenn das Medikament in nicht sachgemäß hohen Dosierungen eingenommen wird. Naloxon
soll so den Missbrauch verhindern. Tilidinhaltige Fertigarzneimittel sind als Tropfen, Kapseln
sowie Retardtabletten erhältlich.
Wirkung
Die Wirkung von Tilidin ist schmerzstillend, euphorisierend und enthemmend. Nach Einnahme
von Tilidin-Tropfen tritt sie nach 10 bis 15 Minuten ein und hält ca. 4 bis 6 Stunden
an. Das Schmerzmittel wirkt auf das zentrale Nervensystem (Rückenmark und Gehirn) und
hemmt die Weiterleitung von Schmerzsignalen an das Gehirn. Das Schmerzempfinden wird
herabgesetzt. Durch die enthemmende und euphorisierende Wirkung werden Angst- und
Konfliktgefühle unterdrückt. Die Bereitschaft, größere Risiken einzugehen, wächst und die
Schwelle, Gewalt auszuüben, sinkt. Die euphorisierenden Effekte treten bereits bei
25 bis 50 mg auf.2 Der Antagonist Naloxon wird bei oraler Einnahme erst bei deutlich höheren
Dosierungen wirksam.3 Ein sicherer Schutz gegen Missbrauch ist somit nicht gegeben.
Die betäubende Wirkung von Tilidin beeinträchtigt das Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen
und macht fahruntüchtig. Wie bei anderen Opioiden können als Nebenwirkungen auch Übelkeit,
Erbrechen sowie Kreislaufstörungen auftreten. Bei Überdosierung besteht - insbesondere
in Kombination mit Alkohol - die Gefahr eines lebensgefährlichen Atemstillstandes. Der dauerhafte missbräuchliche Konsum kann nicht nur zur psychischen, sondern auch zu einer körperlichen Abhängigkeit führen und starke psychische Veränderungen, wie Depressionen und Wahnideen hervorrufen.
Ist Tildin eine „Modedroge“?
Die sich häufenden Berichte in den Medien der vergangenen Zeit haben aufgeschreckt. Genaue statistische Zahlen zur Verbreitung des Tilidinmissbrauchs liegen jedoch nicht vor.
Besorgnis ausgelöst hat der zunehmend häufiger dargestellte Zusammenhang zwischen
Tilidineinfluss und Ausübung von Gewalt. Auch dies ist statistisch bislang nicht belegt.Die Zahl von Rezeptfälschungen zur Erlangung von Tilidin ist gegenwärtig die einzige Datenquelle,
die einen Rückschluss auf den Missbrauch von Tilidin erlaubt. So sind die ermittelten
Rezeptfälschungsdelikte von 2060 im Jahr 2005 auf ca. 2480 Delikte im Jahr 2007 angestiegen.
95% aller Rezeptfälschungen bezogen sich auf tilidinhaltige Medikamente.4
Fachleute schätzen den Tilidinmissbrauch bei männlichen Jugendlichen mit türkischem oder
arabischem Migrationshintergrund als besonders hoch ein. Der Konsum von Drogen ist im
islamischen Glauben streng verboten: Tilidin wird als Medikament betrachtet und genießt
deshalb vermutlich eine größere Akzeptanz. Als Hauptursachen für den Tilidinkonsum in
dieser Gruppe werden Gruppenzwänge und/oder Rollenkonflikte angesehen.5 Die Jugendlichen
leben im Spannungsfeld zwischen schlechten schulischen Leistungen, mangelnder Ausbildung, fehlenden Erfolgserlebnissen und fehlender Anerkennung einerseits und
hohen Ansprüchen an ihre „Männlichkeit“ und der Erwartung, dass sie trotz ihrer schlechten
realen Perspektiven die materielle Grundlage einer Familie sichern, andererseits. Dieser
Herausforderung sind diese Jugendlichen oft nicht gewachsen.
Rechtliche Aspekte
In der Anlage 3 des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) ist Tilidin als verkehrsfähiges und verschreibungspflichtiges Betäubungsmittel aufgelistet. Dies heißt: der Umgang ohne Erlaubnis
oder Verschreibung ist grundsätzlich strafbar. Allerdings unterliegen Kombinationspräparate
mit Naloxon nur der einfachen Rezeptpflicht und nicht der Betäubungsmittelverschreibungs-verordnung. Somit ist der Besitz solcher tilidinhaltiger Medikamente nicht strafbar, sondern lediglich der illegale Verkauf oder Erwerb, z.B. über Rezeptfälschungen, die als Delikt der
Urkundenfälschung nach § 267 des Strafgesetzbuches verfolgt werden. Der Eindruck,
dass es sich bei Tilidin „nur“ um ein Medikament handelt, wird somit noch unterstützt. Umso
mehr zeigt sich die Notwendigkeit von Aufklärung, denn: Tilidin ist ein Betäubungsmittel –
mit all den beschriebenen Risiken und Begleiterscheinungen.